Evos Pullover
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| Boliviens Präsident und der spanische König |
Eine Erfindung von Tradition in der Begegnung von Bauer und König.
Eine Indisziplinierung kolonialer Kleidercodes, ein fadenscheiniges
Dispositiv und kaum ein Ausweg aus Machtverhältnissen, von Tom Waibel
Chompa Evo
Tradition ist eine Erfindung – wer wüsste das besser, als die
Archivar_innen dieser Welt? Die Textilie, um die es hier geht, steht für
eine Tradition, die im Verlauf eines einzigen Tages erfunden wurde.
Aber wie?
Ein ,Allerweltspullover‘ urteilten die Zeitungen verblüfft oder empört.
Sein rot, blau, weiß und grau gestreiftes Design wurde als so gemein und
durchschnittlich bewertet, dass zumindest die Textur aus edlen
Materialien bestehen sollte. Doch die Vermutungen wurden enttäuscht:
Keine Vikunja-Wolle, obwohl eine der seltensten und teuersten der Welt;
auch keine reine Alpaka-Wolle, sondern ein Gemisch aus dieser und
synthetischen Acrylfasern. Da weder Design noch Textur eine edle
Herkunft vorweisen konnten, wurde die Textilie kurzerhand zur
,Tradition‘ erklärt. Aber warum?
Der besagte Pullover sprengte alle bisher bekannten diplomatischen
Gepflogenheiten. Evo Morales trug ihn auf seiner ersten Auslandsreise
nach dem Amtsantritt als Staatspräsident von Bolivien im Jänner 2006,
nachdem er in einer demokratischen Wahl mehr als die Hälfte aller
Wähler_innenstimmen auf sich vereinigen konnte. Insbesondere das
Zusammentreffen des ehemaligen Koka-Bauern (leger, im bunt gestreiften
Pullover ohne Marke und Façon) mit dem spanischen König (formell, als
Repräsentant einer Jahrhunderte langen imperialen und kolonialen
Herrschaft) war symbolisch derart aufgeladen, dass der Pullover von
einem Tag auf den anderen zur Chompa Evo gemacht wurde, einem überaus
traditionellen Kleidungsstück aus den bolivianischen Anden.
Offensichtlich geht es hier nicht einfach um eine Disziplinierung von
Textilien durch ihre Aufnahme ins Archiv erfundener Tradition, sondern –
genauer noch – um eine Indisziplinierung, die von diesen Textilien auch
hervorgebracht werden kann. Die nahezu durchgängig kolonialisierten
Codes der diplomatischen Repräsentation internationaler Politik
produzieren eine Serie von kaum unterscheidbaren Herren in uniformen
(grauen) Anzügen. Diese Herren mögen Demokraten, Diktatoren oder Adelige
sein, sie mögen durch Wahlen, Plebiszite oder Staatsstreiche an die
Macht gekommen sein, in ihren Maßanzügen europäischen Zuschnitts
fungieren sie immer auch als der Ausdruck einer globalisierten
Identitätspolitik, als Manifestationen einer Politik der Identität im
Kontext einer stets erneuerten Kolonialität.
Die Chompa Evo setzt dieser kolonialen Identität allerdings keine
autochtone Indigenität gegenüber. Die Textur ihres Textils wird durch
eine mehrfache Verschiebung und Neuverkettung zur Chiffre einer
postkolonialen Stilkritik: Weder essenziell, noch exklusiv, bestimmt
nicht diplomatisch und noch nicht mal traditionell wird sie zum Zeichen
von billigem, weil populärem Geschmack und legt damit die kulturellen
Festschreibungen hegemonialer Diskurse offen.
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| Die "Chompa Evo" |
Der Allerweltspullover im Chompa Evo Design, der mir vorliegt, trägt ein
Etikett, das ein gesticktes Alpaka-Kamel vor stilisierter
Berglandschaft samt Sonne mit Strahlenkranz zeigt. Daneben finden sich
die Initialen L.A.M. sowie die Hinweise: Made in Bolivia und 100%
Alpaca, doch letzteres ist möglicherweise ein Etikettenschwindel. Was
motiviert diese Vermutung? Der Pullover ist von Kleidermotten arg
zerfressen, aber die zahllosen Löcher konzentrieren sich ausschließlich
auf die Streifen in grauer Farbe. Weshalb blieb alles andere vom
Mottenfraß verschont? Vielleicht findet sich alle (tierische)
Alpakawolle in die grauen Streifen verarbeitet und der ganze Rest
bestünde aus (synthetischer) Acrylfaser und wäre damit gänzlich
mottenungenießbar.
Was auch immer die Gründe für die erstaunliche Verteilung sein mögen –
die delikate Subversion der Kleidermotten hat das Objekt fadenscheinig
gemacht, die Konsistenz des Archivs durchlöchert und das hegemoniale
Dispositiv von Ordnung und Kontrolle aus den Fugen gebracht. Der Hunger
nach Keratin hat vielerlei Fäden gelöst, die sich nicht mehr verknüpfen
lassen und ein vergleichbarer Hunger nach Veränderung lässt die
postkoloniale Zukunft dieses Symbols für einen Ausweg aus den
globalisierten Machtverhältnissen bereits jetzt als alt erscheinen.